betriebsbesichtigung bei boros

über einen besuch der SAMMLUNG BOROS im hochbunker reinhardtstraße, berlin-mitte

im ersten, strahlend weiß gestrichenen raum, knapp hinter dem empfangstresen, an dem unsere angemeldete führung durch die sammlung zeitgenössischer kunst beginnt, hängt in etwa zweieinhalb meter höhe an einem stahljoch eine patina- grüne kirchenglocke [kris martin: "from whom the bell tolls"]. wenn sie schwingt, tut sie nichts anderes als das: sie gibt keinen ton von sich, sie hat keinen klöppel. sie ist sehr laut, diese stille.

als ich das letzte mal hier war, anfang/mitte der 90er jahre, dröhnten die bässe der musik so gewaltig, dass alles um mich herum und in mir drin bebte: die meterdicken betonwände, die rauchig feuchte luft, die silhouetten der anderen im gegenlicht, die magengrube, das herz, das hirn. an den türstürzen hingen durchsichtige plastiksäcke mit innereien, mit denen man zwangsläufig in berührung kam, wollte man an ihnen vorbei. es ging um musik, um tanz und um sex. alles zusammen war es die pervertierung dieses ortes, dreist, mutwillig, lustvoll. das wir, das (sich) hier feierte, war sich seiner sittlich moralischen fundamental-opposition zum regime der bauherren dieser räumlichkeiten absolut sicher: totale libertinage inszenierte sich seinen triumph über nazistischen totalistarismus.

1942/43 von zwangsarbeitern als “reichs- bahn-bunker friedrichstraße” errichtet, beherbergt er nach dreijährigem, technisch wie finanziell aufwändigstem umbau seit diesem sommer nun also ein privatmuseum, vermarktet auch mit seiner vergangenheit als “der härteste technoclub in deutschland mit weit über die grenzen von berlin bekannten sm- und fetischparties”. auf seinem dach thront das penthouse des kunstsammlers, der sich zum abitur einen beuys kaufte und mit werbung offenbar üppig zu geld kam.

eine junge, smarte kunsthistorikerin präsen- tiert uns ca. andertalb stunden lang in rasantem tempo objekt für objekt mit einer in form und inhalt gleichermaßen gefälligen wie geschliffenen werk-erläuterung, der zur verkaufskatalog-tauglichkeit nur die preis- angabe fehlt. marketingtexte im staccato, wir nehmen teil an einer exquisiten kultur- betriebsbsesichtigung. und so verdinglichen sich in einigen der ausstellungs- stücke vor allem die kunstmarkt-mechanismen zur wertsteigerung: der bekanntheitsgrad einer gerade eben noch fast völlig namenlosen künstlerin, von der objekte im dutzend angekauft wurden, steigt schlagartig – und mit ihm der wiederverkaufspreis. allein durch die tatsache des ankaufs

santiago sierra hat schon einen namen. er macht ein schlichtes sw-foto davon, wie sich sechs lateinamerikaner für ein paar dollar in eine reihe stellen und eine linie auf den rücken tätowieren lassen. die für manche sicher schwer erträgliche provokation entstünde erst im moment des betrachtens des fotos, erklärt uns mit variationsfreiem sprachgestus die kunsthistorikerin, und sie fügt hinzu, dass mit diesem werk sierras sogar der kunstsammler ein problem habe. aber auch hier fehlt die preisangabe und also das wesentliche, jedenfalls dann, wenn derjenige, der das geld hat, kunst zu kunst macht.

p.s. wer darauf hofft, dass es in berlin ja bald wieder eine kunsthalle öffentlicher hand geben wird, sollte sich bei alice ströver mit ihrer unter “aktuelles” zu findenden presse-erklärung vom 30.09.08 auf das dank klaus wowereit drohende einzustimmen versuchen.

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